Mare Nostrum

Festung Europa

Peter Weismann


Landshut, Februar 2021
Ein forgesetzter Bericht

Sisyphos in Landshut

Ich graviere weiter...

„MARE NOSTRUM in Landshut. Seit Januar 2020 arbeitet Peter Weismann in der Rochuskapelle an der Installation FESTUNG EUROPA, einer weiteren Station seines weiträumig angelegten Projektes „MARE NOSTRUM längs der Isar“, das sich künstlerisch mit dem Thema Migration auseinandersetzt. …“

Das und mehr hätte ich gerne in der „Landshuter Zeitung“ gelesen. Die Redaktion ließ mich jedoch wissen, dass sie bis auf Weiteres „persönliche Kontakte weitestgehend vermeidet“. Kurz darauf wurden die Ausgangsbeschränkungen aufgrund der Corona-Seuche erlassen und das Haus International, das mich mit MARE NOSTRUM nach Landshut in die Rochuskapelle eingeladen hatte, stellte den öffentlichen Betrieb ein. Das bedeutete für mich, dass ich in der Rochuskapelle zwar weiter an der Installation arbeiten kann, aber jedwede Öffentlichkeit ausgeschlossen ist.

Die Kapelle

Die spätgotische Rochuskapelle - unweit der Stadtmauer am Ufer der Isar - wurde 1497 als Teil eines Blatternhauses erbaut, gestiftet von dem Landshuter Kaufmann und Ratsbürger Walther von Feld d. Ä. Das Spital wurde Anfang des 19. Jahrhunderts abgerissen. Zwei heute vermauerte Fenster in der Kapelle öffneten sich seinerzeit direkt in die Krankensäle und ließen die todkranken Menschen am Gottesdienst teilhaben. Unter dem Pflaster des Hofes um die Rochuskapelle liegt der alte Pestfriedhof.

Heute wird die Kapelle vom Haus International als Kulturraum für Ausstellungen, Konzerte, Vorträge, Lesungen und andere Veranstaltungen genutzt.

Es mutet wie eine Ironie des Schicksals an, dass ich zum Schutz vor dem Corona-Virus völlig isoliert von der Außenwelt hinter den massiven Backsteinmauern der Kapelle des Schutzpatrons der Pestkranken Kieselsteine mit den Namen der Menschen graviere, die auf der Flucht vor dem Elend umgekommen sind. FESTUNG EUROPA heißt die Installation in der Kapelle, deren Herzstück eine Mauer aus gravierten Kieselsteinen ist, die in Ost-West- Ausrichtung zwischen der nördlichen und südlichen Pforte der Kapelle steht.

Installation

Weder Mauern noch Grenzen

Unzählige Male wird in dieser Zeit geschrieben und gesagt, dass der Corona-Virus sich weder um Mauern noch Grenzen schert. Als gäbe es keine Europäische Union, werden nationale Grenzen wieder befestigt und damit das soziale Gefälle von Nord-Süd und Ost-West in Europa. Grundrechte werden eingeschränkt. Man schottet sich ab. Rette sich wer kann! Die Menschen in den Lagern Libyens, auf den Schlepperbooten im Mittelmeer, in den überfüllten Auffanglagern Griechenlands und in den sogenannten Ankerzentren werden sich selbst überlassen. 80.000 Erntehelfer nach Deutschland zu bringen, wurde in wenigen Tagen beschlossen, aber von den 1.600 unbegleiteten Kindern und Jugendlichen auf Lesbos, die Europa seit dem Winter aufnehmen wollte, warten 1.541 auf die Einlösung des Versprechens. Dass Luxemburg 12 und Deutschland Ende April 47 von ihnen geholt haben, ist ein eher beschämender Akt. Die geflüchteten Menschen sind in den restlos überfüllten Lagern schutzlos dem Virus ausgesetzt. Das kommt nach der staatlich eingestellten Seenotrettung einem zweiten passiven Todesurteil gleich, das Europas Politik über die Migranten verhängt.

Sprachlos

Zu Ostern verabredet sich eine Handvoll Menschen in Landshut, einzeln auf dem Markt einkaufen zu gehen und mit umgehängten Plakaten auf die Kinder in Lesbos aufmerksam zu machen. Eine seriöse, gutbürgerlich gekleidete ältere Dame kommt auf mich zu in Begleitung eines jüngeren Mannes, der mich an Dennis Hopper in „Easy Rider“ erinnert. Ich erwarte Zuspruch von dem sympathisch schräg anmutenden Paar, stattdessen gerät die Dame aus der Façon: „Kinder?!“, keift sie schrill. „Diese Kinder sind junge Männer, die unsere Frauen vergewaltigen!“ Der Typ an ihrer Seite nickt: „Die sollen bleiben, wo sie sind!“, sagt er und ballt die Faust. Keiner der umstehenden Passanten sagte etwas. Sprachlos ging ich meiner Wege.

„Angst essen Seele auf“, heißt der Film von Rainer Maria Fassbinder aus den frühen 1970er Jahren. Wem das Fremde und der Fremde nur Angst machen, greift instinktiv an oder schottet sich ab, wähnt sich hinter Mauern sicher.

Hinter Mauern verkümmert das Mitgefühl; das schafft dem Virus der Unmenschlichkeit den Nährboden, gegen den kein medizinischer Impfstoff helfen wird.

Nicht aufhören

Als das Haus International für die Öffentlichkeit geschlossen wurde, sollte auch ich meine Arbeit an der FESTUNG EUROPA einstellen. Die Verwaltung hatte es so verfügt. Ich weigerte mich. Solange wegen unterlassener Hilfeleistung Menschen im Mittelmeer ertrinken, werde ich ihre Namen weiter in Steine gravieren, auch hinter behördlich geschlossenen Mauern.

Transformation ins Außen

Im August 2020 verlässt die Installation FESTUNG EUROPA den geschützten Raum der Rochuskapelle, macht der Fotoausstellung „Dignity – Dignité - Würde“ von Thomas Ratjen Platz, und wird im öffentlichen Raum um die Rochuskapelle sichtbar.

Eine Mauer aus gravierten Steinen versperrt die südliche Pforte der Kapelle, auf die scheinbar eine weiße Figur aus Treibholz zugeht. Man kann das von Außen als Barrikade sehen und von Innen als Schutz der Würde von Frauen, Männern und Kindern, die Thomas Ratjen in seinen Porträts sichtbar macht.

Unter freiem Himmel hängt an einem Laternenpfahl ein Mantel, davor steht schief ein Stuhl, auf dem ein Paar Schuhe abgestellt sind. Daneben ein Koffer. Der Mensch, dem das gehört, fehlt. Wie ein Hoteletikett klebt auf dem Koffer das Foto von einem unspektakulären Blick aufs offene Meer. Das Ensemble könnte auch eine Hommage an die Berber von Landshut sein, die auf ihren Streifzügen durch die Stadt hier im Hof um die Kapelle gern pausieren.

Es mutet wie ein gestrandetes Floß an, das da am Orbankai halb in der Erde versinkt, fünf Meter entfernt von der Isar. Die Figur auf dem Floß tänzelt unsicher, mutet unentschlossen und zerbrechlich an. Sie ist an das Floß gefesselt.

Vor der Kapelle ein Käfig aus rostendem Armierungseisen, gefüllt mit weißen Büchern: „Die Bibliothek der gestorbenen Träume“. Auf der weißen Ost-West-Linie, die sich durch die Kapelle bis über den Orbankai zieht, steht ein Arbeitstisch, an dem ich die unendliche Zahl der Steine graviere mit den Namen der Menschen, die auf der Flucht vor dem schlechten Leben den Tod gefunden haben. Von den meisten ist nicht einmal der Name bekannt. In ihre Steine ist ein NN graviert (no name).

Es ist dem Betrachter überlassen, die Dinge zu sehen, wie sie oder er sie sieht. Meine Bildsprache gibt keine Antworten, sondern sucht nach neuen Fragen.

SISYPHOS

Als "Sisyphos in Landshut" überwintern die Steine im Hof des Rieblwirtes in Landshut.

Sisyphos kann man sich als einen glücklichen Menschen vorstellen, der im unentwegten Tun gegen die Absurdität des Lebens revoltiert. In diesem Sinne symbolisiert Sisyphos die Triebkräfte von Menschen, die aus Verhältnissen fliehen, die sie zum Nicht-Tun verurteilen.

Peter Weismann

Geboren 1944, begann Mitte der 1990er Jahre in Palermo mit zumeist gefundenen, entsorgten Materialien aus dem alltäglichen Leben im öffentlichen Raum künstlerisch zu arbeiten. Das Thema Migration wurde bald zum Schwerpunkt seiner künstlerischen Auseinandersetzung. Zahlreiche Installationen dazu sind seither in Palermo, München, Augsburg und Bremen entstanden. Seit Anfang 2019 arbeitet er an der Installation MARE NOSTRUM, die von der Quelle bis zur Mündung entlang der Isar entsteht.

Kontakt

© 2021 Peter Weismann, München

Fotos

Christine Landinger
Florian Käding

Website

kaedinger.de
Florian Käding